Ein Gastkommentar zu unserer verzweifelten Suche nach dem Wunderbrunnen

Männer und ihr Rad  (von Elena Rauch)  in Thüringer Allgemeine v. 15.1.2011

Reife Männer auf dem Rennrad sind ein Phänomen der Moderne und nicht einfach Freizeitsportler. Sie sind eine Botschaft. Aber manchmal hat man es als Frau damit gar nicht so leicht. Vor allem, wenn es mal glatt wird. Dann braucht man Selbstdisziplin – und wohl dosierte Fürsorge.

Leben Sie noch ruhig, oder fährt er schon? Ich meine Rad, also Rennrad. Es gehört zu den rätselhaften Phänomenen der Postmoderne. Kaum gelangt so ein Mann in das sog. beste Alter, beginnt er, am Rad zu drehen. In einer modernen Männerbiografie unterscheidet man neuerdings zwischen zwei Lebensabschnitten: Vor dem Rennrad und danach.Das erste Rennrad (ich garantiere Ihnen, es wird nicht dabei bleiben), ist eine Zäsur. Bei einer Frau vergleichbar höchstens mit jenem Tag, an dem sie vor dem Spiegel entdeckt, dass die Frage der Haartönung keine Modefrage mehr ist, sondern Überlebensstrategie. Aber sie erledigt das hinter verschlossener Badtür. Er hingegen begibt sich auf die Straße. Als ob es nicht auch andere schöne Sportarten gäbe. Federball zum Beispiel oder Paddeln. Aber so ein rennradelnder Mann, ist ja nicht einfach ein Freizeitsportler. Er ist eine Botschaft. Von Dynamik, wirtschaftlichem Erfolg (was glauben Sie was so ein grünes Rennrad kostet), technischem Sachverstand, Ausdauer, Härte gegen sich selbst. Vom Charakter eines gestandenen Mannes eben. Und welche Frau will sich einer solchen Botschaft verschließen? Also nehmen wir es hin. Wir hören uns geduldig seine Fahrberichte an unter sensibler Einstreuung sachdienlicher Zwischenfragen (die nach den Steigungsprozenten der Straße kommt zum Beispiel immer gut) und bewundernder Ausrufe. Wir schlängeln und drücken uns im gemeinsamen Hobbyraum klaglos an der abgestellten Räderflotte und Ergometer vorbei, um an Waschmaschine und Trockner zu gelangen. Wir sorgen uns stumm, wenn er im kalten Morgengrauen das traute Heim verlässt, um auf freien Landstraße seine Kreise zu ziehen. Aber manchmal ist es schwer. Manchmal gelangt man sogar als Frau an die Grenzen seiner sozialen Kompetenz. Diese Woche zum Beispiel. Draußen noch Reste des tauenden Eises, da beschloss er die Winterruhe zu beenden. Ich ahnte nichts Gutes. Aber wenn ein Mann den Ruf der einsamen Landstraße vernimmt, ist eine Frau machtlos. Bis jetzt hatte ich immer geglaubt, ein erkälteter Mann sei der mentale Supergau. Da hatte ich aber noch nicht einen gestürzten Rad fahrenden Mann erlebt. Dieses stumme Hinken. Dieser verstohlene Griff ans Handgelenk. Dieses gequälte Lachen. Dieser erloschene Blick. Eine solche Situation erfordert viel Umsicht und Selbstdisziplin. Gewöhnlich erwacht bei einer Frau beim Anblick eines leidenden Mannes unverzüglich der Beschützerinstinkt. Sie eilt in die Apotheke, kocht ihm Hühnerbrühe, informiert die Familie, bettet ihn vorsichtig auf die Couch, sorgt für Ruhe im Haus und sagt alle Termine ab. Ein solches Verhalten ist selbstverständlich angebracht im Falle einer Grippe. Aber nicht in diesem! Eine Erkältung ist ein Naturereignis. Ein Sturz vom Rennrad ein brutaler Angriff auf sein männliches Selbstverständnis. Zu viel Fürsorge wird ihm das nur bestätigen. Erkundigen Sie sich behutsam, aber nicht zu oft, ob es sehr weh tut. Lassen Sie ihn ruhig selbstbestimmt in die Apotheke humpeln, wenn er darauf besteht. Passen Sie in der Öffentlichkeit unauffällig Ihre Schrittgeschwindigkeit seinen Einschränkungen an, aber öffnen Sie ihm nie die Tür. Vermeiden Sie alle Themen, die weitläufig mit Alter in Verbindung gebracht werden könnten. Sollte in diesen Tagen Post von der Rentenversicherung kommen, verstecken Sie den Brief. Erzählen Sie am Besten niemandem von dem Unfall und versuchen Sie so zu tun, als sei nichts gewesen. Ich jedenfalls setze auf diese Strategie. Ich werde der Zeit vertrauen und seinem Rennrad. Spätestens wenn er wieder fahren kann, wird er wieder sein wie immer. Und dann werde auch ich sein Rennrad lieben. Eine Frau spürt so was.     Quelle

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3 Antworten zu Ein Gastkommentar zu unserer verzweifelten Suche nach dem Wunderbrunnen

  1. ron schreibt:

    verdammt die frau hat schon recht.das selbige sagt meine frau auch. und nun wo es schon 2 sind beginne ich es yu glauben.im [brigen bei mir gehen ein paar buchstaben nicht.hat damit jemand erfahrung

  2. Wolle schreibt:

    …bereits ausgedruckt und kundgetan!

  3. Jörg schreibt:

    Whow, die Frau hat es erkannt. Ich empfehle diese Offenbarung jeder, unserer Ehefrauen, Wohnungsteiler oder Lebensabschnittsgefährten, unbedingt zur Pflichtlektüre. So dürften die kommenden Ausfahrten am Wochenende nicht mehr am Veto der Frau scheitern, sondern vielmehr ein mitleidiges Schmunzeln hervorrufen.

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