Wie der Sport seine Poesie verlor…

 Anlässlich unserer heutigen Dienstagsausfahrt hatte ich beim Weizen einen am Vormittag gehörten Radiobeitrag erwähnt, den ich Euch nicht vorenthalten möchte und der die so oft diskutierte Misere des Leistungssports, meiner Meinung nach auf den Punkt bringt:                    Sport hat keinen materiellen Nutzen, keinen praktischen Sinn. Er befriedigt das Bedürfnis nach freier Fantasie und kindlichem Spiel – und er symbolisiert das unbändige Verlangen des Menschen, Hindernisse zu überwinden, ihnen zum Trotz weiter zu leben. Athleten im Wettkampf demonstrieren nicht nur die menschliche Fähigkeit, andere oder die Natur zu besiegen, sondern auch sich selbst. Und da wir, die Zuschauer, so etwas gewöhnlich nicht erleben, begeistern wir uns dafür. Der Sport ähnelt damit der Literatur, der Kunst: Er zeichnet außergewöhnliche Situationen nach, deren Ausgang unbestimmt ist. Und das bewirkt in uns eine emotionale Anteilnahme. Sport ist dem Alltag enthoben, wo Kalkül und Berechnung vorherrschen; er zeigt ein reicheres, intensiveres Leben, ist seine konzentrierte Form.  Die Tour de France hingegen fährt schon seit Langem ihrem sportlichen Tod entgegen und das auch ohne EPO und Testosteron. Weil in ihr die Poesie des Sports verschwindet, versachlicht, vernutzt wird; weil seine Symbolik verloren geht – so wie bei anderen sportlichen Großereignissen auch. Die Kommerzialisierung des Sports führte seit den 1960er-Jahren zu einem Kult der Siege und Rekorde, begleitet vom Prinzip des „schneller, höher, weiter“, befördert von steigenden Startsummen, Preisgeldern und Werbeeinnahmen. Athleten, die einst für Angestelltenlöhne ihrem Sport nachgingen, wurden so zu Spitzenverdienern mit Managergehältern. So geht es heute einzig allein um den Sieg, ganz gleich wie er zustande kommt. Bei der Tour de France unternehmen Spitzenfahrer schon seit Langem keine faszinierenden Ausreissversuche mehr, wie es in den 1950er und 1960er-Jahren Bartali und Coppi taten. Diese fürchteten nie, ein Rennen dadurch zu verlieren, dass sie sich in einen Alleingang stürzten, der vielleicht zum Scheitern verurteilt war. Stattdessen sind die Contadors, Schlecks und Evans von heute darauf bedacht, ihre Gegner in den Bergen zu kontrollieren, um den Rest der Arbeit im Kampf gegen die Uhr zu erledigen. Ähnliches zeigt sich auch auf dem Rasen: Begeisterten noch in den 1970er-Jahren Spieler wie Johann Cruyff und Ruud Krol mit „totalem Fußball“, bei dem ein jeder verteidigte, im Mittelfeld spielte und angriff, dominieren seit den 1980er-Jahren, ballsichere Viererketten und ängstliche Taktiken im „5-3-2“ oder „4-5-1“ System. Es gibt kaum noch Mannschaften, die heroisch verteidigen, dafür um so mehr solche, die das Spiel des Gegners zerstören, um seinen Sieg zu verhindern. Und statt der eigentlichen Akteure dirigieren heute Trainer die Spiele und Rennen, unterstützt von Scharen von Psychologen, Masseuren und persönlichen Fitnesscoaches, die nur danach trachten, wie im normalen Leben, Risiken und Ungewissheiten zu eliminieren und – Gewinne zu maximieren: Startsummen, Preisgelder, Werbeeinnahmen.Damit beraubt sich der Sport seiner ästhetischen Dimension, die er im alten Griechenland besaß, als sich Athleten um Rekorde und mehr Geld nicht scherten und bar aller Gedanken an Sinn und Zweck, die Existenz bereicherten, auch ihre tragische Seite erfahrbar machten: Zeigten, dass die Dinge des Lebens unschuldig und ambivalent sind, dass Richtiges und Falsches, Sieg und Niederlage, Lachen und Weinen in tiefer Solidarität zueinander stehen – und dass die Realität so immer Grund zu Begeisterung gibt, weil alles eine Frage der Perspektive ist. Das Doping (Wann beginnt es eigentlich?) ist daher nicht Ursache der Krankheit des Sports, sondern allenfalls eines ihrer Symptome. Es erhöht nicht nur die Leistungsfähigkeit der Athleten, es erspart ihnen auch einen Teil der Leiden. Gedopte Fahrer sind am Ende nicht nur schneller als andere, sondern haben auch weniger schmerzverzerrte Gesichter und einen längeren Atem. Für die Zuschauer ist es so unmöglich, den Athleten als einen der ihren zu begreifen und die Symbolik des Sports zu empfinden. Doping schafft eine zusätzliche Distanz zwischen dem Sportler und denen, die ihn bewundern. So überschlugen sich fast die Stimmen der Reporter früherer Jahre, als Fahrer wie Poulidor oder Merckx mit hohlen Augen und offenen Mündern ins Ziel fuhren, erhob sich Jubel, als sei ein Tor beim Fußball gefallen; heute registrieren Berichterstatter fast sachlich, wenn die Fahrer lächelnd, vor Kraft strotzend die Ziellinie passieren, umhüllt vom Applaus der Zuschauer, der sich kaum von dem auf der Strecke unterscheidet.

Michael Böhm (Bild: privat)Michael Böhm (Bild: privat)

Michael Böhm, geboren 1969 in Dresden, studierte Politikwissenschaft in Berlin und Lille und lebt als freier Publizist in Berlin. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften, so unter anderem für „Du – Das europäische Kulturmagazin“. Letzte Buchveröffentlichung: „Alain de Benoist – Denker der Nouvelle Droite“.

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4 Antworten zu Wie der Sport seine Poesie verlor…

  1. Ritzelconnection schreibt:

    …es war nicht alles besser, nur anders 🙂

  2. stahlwade schreibt:

    ich verstehe nicht, worauf herr böhm hinaus will…oder meint er schlicht: „früher war alles besser“?

  3. Ralf schreibt:

    Der Sport mit seinen Idealen,
    erleidet heute manche Qualen.
    Mit immer höher, schneller, weiter,
    entfernen sich die Cyberleiber.

    Mit viel Pillen und Tinkturen,
    kämpfen sie gegen die Uhren.
    Denn es zähl´n bei jedem Sporte,
    einfach nur noch die Rekorde.

    Hast Du nur den zweiten Platz,
    bei der langen Siegeshatz,
    kriegst Du nichts vom großen Schatz.

    Otto-Normalo kann´s nicht fassen.
    Soll er es lieben oder hassen?
    Ungläubig steht er da und staunt,
    die Menge um ihn rum noch raunt.

    Der Wettbewerb ist auch mal schön.
    Klar wollen wir ´nen Sieger seh´n.
    Das Resultat ist ungewiss,
    das Ganze ist ein großes Quiz.

    Ist´s nicht egal wer dann gewinnt,
    solang man sich nur fair benimmt
    und Du freust Dich ganz bestimmt
    und strahlst wie ein kleines Kind.

    Doch brauchst Du für Dein Seelenwohle,
    ganz viel Respekt und noch mehr Kohle,
    und Du tust es wirklich hassen,
    ist der Ruhm bald am verblassen.

    Dann musst Du Dich in diesen Tagen
    doch mal wirklich ehrlich fragen:

    Ist das Ganze noch gesund?
    Lauf ich wirklich noch ganz rund?
    Kannst Du ohne Rekord nicht sein,
    wird Dein Leben bald zur Pein.

    Was hamm die da bloß rangezüchtet?
    Des Sportes Sinn, er scheint vernichtet.
    Dem Kommerz hat er sich verpflichtet.
    Das Ideal, es ist geflüchtet.

    Doch wohin trieb es seine Flucht?
    Ist die Welt denn nur verrucht?
    Es hat seine eignen Regeln,
    hält nichts von den Zahlenflegeln.

    Im Sport da ist es wie im Leben,
    du sollst nehmen und auch geben.
    Dort sind wir nämlich alle gleich
    und nur der Austausch macht uns reich.

    Wenn Du Deinen Sport sehr liebst
    und anderen davon was gibst,
    kriegst Du dann auch was zurück
    ein kleines Stück vom großen Glück.

  4. ron schreibt:

    Genau! leider ist es so.ich schau schon gar keine tour de france mehr.aber gestern hätte ich auch gerne mal ein bissel doping gebraucht.-) bloss um long harry und stahlwade zu bügeln.grins aber gott sei dank gab es nichts.und ich gönne es den beiden das sie stark sind.

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