Quintett, Quartett, Trio, Solo…

Der Flèche Allemagne der BSG, was für ein Konzert! Eigentlich wollten wir im Quintett starten, reduzierten uns aber durch Missgeschick auf ein Quartett, ließen es später zu einem Trio gerinnen und last but not least geriet das Konzert für den Berichterstatter zu einem Solovortrag. Am Ende standen  trotzdem für jedes  Orchestermitglied 401 Kilometer auf dem Notenblatt. Die Partitur (wie geht was) oblag dem Dirigenten. Im Jargon der Randonneure ist das der Kapitän. Der Kapitän wählt getreu den strengen Regularien der ARA seine Untergebenen aus, die ihn auf einer penibel homologierten Strecke vom Himmelfahrtsmorgen 9:00 Uhr bis zum darauffolgenden Tag 09:00 Uhr aus der Leipziger Tieflandsbucht, hin zum Zielort, der Wartburg b. Eisenach, begleiten. Bedingung ist: die frei gewählte Strecke muss mindestens 360 km lang sein. Abkürzungen, Schleichwege und andere Tricks (Hilfe von Außenstehenden, etc.) sind strikt verboten, die Strecke ist mit Kontrolleinträgen unterwegs zu dokumentieren. So was hatte die BSG bisher noch nicht auf dem Schirm. Wir sind schon in Schweden  an den Start gegangen, haben 300km um den Vätternsee gedreht, haben uns die nonstop-500km – Ostseetour  gegönnt, uns an Tagen bei minus 15 grad immerhin noch bis nach Thierbach gequält, dem Critical Dirt die Reverenz erwiesen, die „Hölle des Ostens“ absolviert (ich nur im Support)  und auch sonst allen nur möglichen Verrücktheiten des freiwilligen Radsportlebens ergeben. Aber sich mal dem Regelwerk der Randonneure unterzuordnen, dass war noch offen und musste unbedingt mal erfahren werden. Im Wortsinn. Dèpart: 9:00 Uhr an der CONNSERVE in Connewitz, unserem auch sonst heiligen Ort der Aufbrüche. Nur, diesmal ging’s auf unbekanntes Terrain. Die Strecke, zusammengeklickt am Rechner, sagt ja – abgesehen von den zu absolvierenden Höhenmetern – nichts aus. Was für ein Straßenbelag erwartet uns, wo gibt’s auch um Mitternacht noch was Essbares und wo die Kontrollstempel in der Pampa, wenn die Tanke zu hat?. Man wird ja sehen. Alles ist nicht planbar. Das Konzert beginnt. Es war die klassische Mugge (ohne Probe 😉 ): Drei kennen sich und laden noch zwei ein. Die Session, beschwingt durch einen leichten NW-Rückenwind, beginnt. Die ersten zwei Kontrollen werden  eingeholt, die Stimmung ist gut, der Wind kommt, 50km weiter, ziemlich von vorne, die ersten Körner gehen flöten… Entspannung in der Passage entlang der Unstrut bis hoch zur „Henne“ es wird wieder jubiliert. Vereinzelt Piccoloflöten. Dann eine, vielleicht zu vorzeitige, Satzpause. Die warme Mahlzeit (ich hab den Ort vergessen…es war 14km vor Kelbra), gewürzt mit ein paar Durchhalteparolen aus der Abteilung: wenn wir so weiter machen geht das schon, hatte was Seltsames, denn irgendwie wurde klar, dass es in diesem „Stiefel“ nicht wirklich weiter gehen kann und die Schlagzahl erhöht werden musste. Meine körpereigenen Akkus funkten schon roséfarben und mit Blick auf den übrigen Klangkörper und dessen offensichtlich intaktes Klangvolumen wurde mir etwas unheimelig.

Es folgen viele Kilometer in Richtung Harzvorland. Sehr wellig. Bizarre Landschaft. Mansfeld! Der Kyffhäuser taucht auf und das Quartett kommt später in den Genuss eines spätnachmittäglichen Rückenwindes. Da harmoniert es (das Quartett), wie später nie wieder. Der Weizen-Point (Rad-Club), ein stilsicher geführter Ort für Menschen aus dem Land der „Meiner“ gibt neue Zuversicht. Versöhnung (ich bilde mir ein, wieder fit zu sein). Weiter Stempel sammeln. Jetzt geht’s an’s Eingemachte, denn die Landschaft wird zunehmend dunkler und der lange Bart des Barabarossa wächst unter dem Asphalt. Worbis. Keine offene Tanke für den Kontrollstempel, aber ein spärlich beleuchtetes Schild: „Hotel zum Wiesengrund“. Frank, der als  ausgefuchster Tourenguide gottlob auch nächtens die Strecke auf  seinem GARMIN hatte, befiehlt den orchestralen Angriff: nur hier kriegen wir einen Stempel! Der Inhaber vom „Wiesengrund“ wird unser Freund, denn eigentlich ist zu! Aber: Radfahrer, die sich am Herrentag so was zumuten, da musste er sein Herz und die Destination aufschließen. Wir verweilen dort. Das Gästebuch wird rausgeholt, Christian (good old times) trinkt vernünftigerweise einen Pfefferminztee, das übrige Orchester inhalliert eilig einige Radeberger. Und mit Stolz vermerkt der Wirt: …hier sind schon ganz andere Randonneure vorbeigekommen…da war mal einer, der kam aus Kasan und wollte nach Paris… Na Hallo, da ist doch der BSG-Flèche ein Kindergeburtstag! Gruppenfoto vor dem „Wiesengrund“! Inzwischen ist es sehr !!!! dunkel. Meine Wahrnehmungen verlieren sich. Irgendwo da vorne blitzen noch vereinzelt die Rückstrahler des Quartetts auf und meine inneren Warnlampen leuchten inzwischen hellrot. Vibrato! Es geht weiter in der Nacht. Und es wird erbärmlich kalt. Meine schlimmsten Befürchtungen: ich habe den Kurs verfehlt und gurke in ein Nebental, weil die ersten Geigen da vorne ihren Kontrabass aus der Partitur gestrichen haben, oder sich Bratscher-Witze erzählen…nein so schlimm kam es nie! Der Dirigent hielt immer mal wieder den Taktstock inne, nullte den  Course und das Quartett musizierte dann tonlos weiter. Ja, es gab Momente, wo das Orchester wieder harmonierte. Nach erbärmlich kalter Abfahrt wurden die Instrumente in der Raiffeisenbank am Heizkörper des 24stündig offenen Service-Schalters aufgewärmt. Heiligenstadt! Klamme Bedenken, wie die Orchesterreise weitergehen soll … Und an dieser Stelle packte Christian den Joker aus: für jeden gab’s ein belegtes Brötchen! Himmel, das war einfach grandios! Unser Newbee, der stille und harte Youngster , er hat aus seinem Speicher eine Runde Kohlenhydrate geschmissen. Weiter in der Nacht. In Duderstadt kann die avisierte Tanke keinen Kontrollstempel vergeben, weil zu.

Wir irren etwas ziellos umher, finden dann aber einen Muslimen, der uns in seiner Döner-Station noch einen „Beweisstempel„ ins Buch der guten Taten drückt. Weiter geht’s. Es ist stockdunkel, die von Montee geliehene  Lampe (ohne die ich steinalt ausgesehen hätte) schneidet  durch die Nacht. 04:03 überfallen wir einen McDoof in Eschwege, und wollen uns für die finalen Nachtkilometer in Form bringen. Da gab es große grüne Sessel, es war warm und überhaupt ein Platz zum Einnicken. Der Dirigent hob nun allerdings energischer den Taktstock und ich vermeinte durchzuhören, dass alle Zeichen auf Fortissimo standen. Na, gut. Immerhin waren um 04:00 Uhr 300 Kilometer schlaflos im Sattel verbracht und die verbleibenden 100 Kilometer, runtergerechnet auf die Zielzeit (9:00 Wartburg) müssten nun gemütlich zu schaffen sein. Immerhin entspräche das nur einem 20er Zwirn. Aber was helfen solche Berechnungen, wenn Zeit draufgeht um Kontrollstempelstellen zu finden (in Berka war es, wegen geschlossener Tankstellen, letztlich ein Apothekennotdienst…) Und, was noch gravierender ist: …wie schnell sind denn unsere Beine noch, nach schlaflosen 330 Kilometern? Also keine Zeit für ein Adagio. Für die letzten 70 Kilometer wird die Partitur geändert. Ein Trio soll die vom Veranstalter etwas nebulös vorgegebene Zielzeit knacken.

Der Berichterstatter wird aus der Partitur gestrichen und muss sich fortan solo durchschlagen. Ich quittiere das zähneknirschend und mit einem inneren „…jetzt erst Recht, Freunde…“ Da ich mich in der Ecke da unten ganz gut auskenne, wähle ich zur Anfahrt des vorletzten Kontrollpunktes eine alte Armee-Straße durch den Wald. Die führt direkter nach Vacha und das Trio kommt mir bereits von dort entgegen. An der Tanke mobilisiere ich meine allerletzten Reserven, trinke noch einen Pfefferminztee (!) und nehme die letzten Kilometer in Angriff. Mein Gott was für eine elende Schinderei, bis sich endlich zwischen den Alleebäumen kurz vor Eisenach ein kurzer Blick auf die Burg offenbart. Alter, das schaffst Du jetzt auch noch, hämmert es in meiner leeren Birne. Es ist alles auf „Autopilot“ geschaltet. Der Schlussanstieg wird noch mal ein Gruppenerlebnis – einzelne, ebenfalls „Versprengte“, quälen sich mit mir hoch zum Schanzentisch. Die letzten 100 Meter wird geschoben. Es geht nichts mehr. Aus die Maus! Der letzte Stempel wird im Souvenierladen der Burg geholt und es geht wieder abwärts. Unten am Bergfuß hatte ich mich mit dem Kreuzbuben verabredet, der mein Rad in seinen Alfa bugsiert und – welch große Freude! – den Heimtransport übernimmt. Die grüne Kontrollkarte wird noch schnell im „Storchenturm“ bei den gestrengen ARA-Funktionären abgegeben, bei meiner Mutter gibt’s noch Kaffee, Kuchen und  ein schönes Wannenbad. Die Welt ist wieder einigermaßen in Ordnung und gegen 17:00 Uhr sind wir via Autobahn wieder in Leipzig.

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