Fischland Roadbook II

Heute die zweite Boddenschleife: Diesmal eine Zeitreise auf das ehemalige Gelände der Roten Armee bei Pütznitz, einer Halbinsel im Saaler Bodden. Viele Hektar voll mit Vier- und Zweirädern, Mehrachsern, Kettenfahrzeugen und sonstigen Gerätschaften aus der glorreichen, ruhmreichen Zeit. Stilsicher aufbewahrt in ehemaligen Hangars der Deutschen Luftwaffe, die dort vor den Russen ein bisschen V2 übten. Postwendial und nach Abzug der советская военная Германии mutierte das gesamte Gelände zu einem seltsamen Nostalgie-Schrott-Hof. Ein bisschen wie aus einer anderen Welt wird der neugierige Besucher schon drei Kilometer vor erreichen des zentralen Lagers an einem Schlagbaum angehalten und mit einer Art Passierschein versehen. Nach Weiterfahrt durch Birken- und Kiefernwälder, vorbei an geschliffenen Heldenmalen und überwucherten Kasernen,  erreicht er dann die eigentliche „Exposition“… Später ist dann alles möglich: selbstfahren von SPW, Gelenkbussen und allerlei geländegängigen Zeugs aus der Vergangenheit. Auch das Startgeräusch einer MIG 21 wird eindrucksvoll über Schallkanonen vorgeführt…Das ganze mutet an, wie Geschichten aus der Murkelei…schwitzende Familienväter haben gerade 20€ abgedrückt, um sich in einem URAL den Sitzgurt (! ha, ha) anzulegen und dann drei Runden auf einem halsbrecherischem Gelände-Parcours zu drehen. Hinter der Absperrung hält die Mutti mit zitternder Hand die HD-Kamera auf das dreiachsig, olivgrüne Monster und hofft, gemeinsam mit den zurückgebliebenen Kindern, dass die Kiste nicht umfällt. Oder vielleicht hofft sie auch nicht und träumt von einer wunderbaren Zeit als Witwe? Wenn’s schon nicht im Krieg geklappt hat, dann hier und heute unter dem strahlend blauen Himmel von Pütznitz, dem Heldentod beiwohnen? Und alles auf HD mit nachhause nehmen! Abertausende digitale Bilder werden wohl hier im Laufe der letzten 10 Jahres schon verschossen worden sein und ganze Garnisonen ehemaliger Kameraden haben sich bei Kaffee, Bier und Bockwurst hier getroffen, ihre Transponder nach rückwärts gerichtet und der übellaunigen Zeit versucht, die besten Erinnerungen abzugewinnen. Ganz sicher war alles „nicht so schlecht…“ höre ich die Kameraden sagen. Und: so ein URAL fährt eben heute noch, auch ohne Hightech-Schnickschnack. Meinem Sohn ist nach zwei Stunden Rundgang in der Murkelei schlecht. Er sagt, die Luft in den Hallen sei so komisch kotzig und ob das früher überall so gerochen hätte? Ich versuche zu erklären: na ja, bei der Fahne roch’s genau wie hier, nach Diesel, Bohnerwachs, Imprägniermittel und Altöl. Aber das waren, im Normalleben eines DDR-Bürgers, nur 18 luftkonterminierte Monate. Den zivilen Rest roch es nach Zweitaktvergaserkraftstoff, Phenol und Spee, zur Messe in Leipzig nach Fichtennadelessenz und partiell nach Intershop –  und an der Ostsee nach Kiefern. Letzteres ist so geblieben, der Rest hat sich geändert. Wir verlassen das Gelände wieder, salutieren am Schlagbaum und suchen das Weite.


Irgendwie erinnerte ich mich, meinem Filius mal erzählt zu haben, dass es etwa 50 Kilometer entfernt noch den „Nuclear Shelter Tropospärenfunk Bunker 302“ gäbe, den man ja auch mal… Er hat nicht wieder danach gefragt und ich werd ihn ganz bestimmt nicht dran erinnern…

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