Bike Honks welcome…

…in Leipzsch! Wo vom 24.-26. August die Deutsche Meisterschaft der Radkuriere stattfindet. Drei BSGler haben den Prolog der Meisterschaft, Bergsprint rauf auf den Leipziger Mont Klamott, erlebt. Und wie der Kreuzbube in seinem Artikel schon erwähnte, trug mein Part auch einen kleinen „dienstlichen Anstrich“, schließlich sollte der Berg nicht durch eine verschlossene Schranke zusätzliche Schikanen aufweisen, was insbesondere das Herunterfahren zu fast mitternächtlicher Stunde betraf… Aber:  selten habe ich eine Aufgabe so tiefenentspannt und angenehm empfunden. Liegt wahrscheinlich wirklich an meiner Affinität zum Radfahren und zur Bike-Szene schlechthin. Keine Ahnung wie oft mir gerade in solchen Momenten geselligen Treibens, fast wehmütig, der Gedanke kommt: „…man müsste noch mal Zwanzig sein…“  Am Fuß des Fockeberges, zwischen Südvorstadt und Connewitz trudeln also am Spätnachmittag die Protagonisten der deutschen Fahrradkurierszene ein… Zum Prolog der dreitägigen Veranstaltung der Bergsprint über 850 m, hoch auf die Plattform des Leipziger Trümmerberges. Die Kuriere gingen den Stich in entspannter Grundhaltung an. Noch’n Sterni und ’ne Kippe vorweg und dann: Alles geben! Getreu dem guten alten Motto: „Sportler ist wer raucht und trinkt und trotzdem seine Leistung bringt…“ Und verglichen mit der Bestzeit von 1:24,89, aufgestellt im Jahr 2008 von einem Radsportler und entsprechend aufgebrezeltem Equipment, steht heuer die Siegzeit der Kuriere mit 1:43,9 gefahren auf Fixies mit teilweise martialischen Übersetzungen, dem Kuriersack auf dem Rücken und der schon geschilderten Vorbereitung, doch ganz gut da. Congratulations an Paul, Max und Andre, die zeitgleich den Berg bezwangen. Irgendwann, gegen 22:00 Uhr, waren  alle oben angekommen (auch die Lastenräder mit den Sternis) Noch ein bisschen Party und schon wartete die nächste Aufgabe: ein Alleycat! Sinn der Übung: einem ausgelobten Manifest folgen und in beliebiger Reihenfolge die dort angegebenen Stationen vollständig abfahren. Vor der Auslobung liegen die Bikes, von den Fahrern etwa 100m entfernt, im „Parc Fermé“ wohin dann gesprintet wird, um sich den Sattel unter den Arsch zu klemmen und so schnell wie möglich den Startort Fockeberg zu verlassen. Gottlob war die erste Station schon unten am Bergfuß das Paul-Fröhlich-Badewannen-Denkmal und eine entsprechende Entschleunigung der Talfahrt vorprogrammiert, denn ich hatte panische Bedenken, dass in der Dunkelheit ein Kurier an dem Stahlprofil des ca. 5cm aus der Fahrbahn ragenden Schrankenhalters den Abgang übt. Ein wirklich lichter Moment war es, meinen Lenker-Knogg in den Stroboskop- Rhythmus zu schalten und  direkt auf der Gefahrenstelle zu platzieren. Es hat geholfen und gegen 22:45 hatten alle, ohne Blessuren, den Berg verlassen. Unten auf dem Asphalt der Fockestraße saßen dann die Teams und grübelten anhand analogen Kartenmaterials (!) über den sinnvollsten Parcours… Dort traf ich auch Ike aus Hannover wieder. Ein Kurier mit zehnjähriger Berufserfahrung und offensichtlich allen Wassern gewaschen. Sein Arbeitsgerät (auch wenn aktuell nicht mehr als Kurier, sondern als Supporter tätig) ein Mountainbike mit der klassischen alten (und unverwüstlichen!) XT Gruppe, Swiss-gespeicht auf klassischer Rigida XP Felge. Wir schwatzen also noch ein bisschen und ich biete an, dass wir das Allyecat zusammen unter die Reifen nehmen. Aber Ike hat es überhaupt nicht eilig, wollte mal gucken, was von einigen Leipziger Destinationen, die er nur von einer Stippvisite aus den 90-er Jahren des vorigen Jahrhunderts kennt, übrig geblieben ist. Da, wo es mal eine große Liebe gab, wo Pogo getanzt wurde und sich die Punks in Hinterhöfen die Kante gaben. Oh, da kann ich dienen: Zunächst steuern wir das „Conne Island“ an. Es ist inzwischen 00:00 Uhr und dort wird draußen noch Tischtennis gespielt, in der Kneipe läuft gute Mugge und wir schießen ein Radeberger ein (zuvor O-Ton Ike: bring mir ein Bier mit, kein Alt, kein Becks, kein Kölsch…). Ike erzählt mir sein Leben…verrückt das alles. In der Geradlinigkeit sowas zu meistern, erinnert mich Ike an Ron Ronsen von der Blogsportgruppe. Ike will am Montag, gleich im Anschluss an die DMFK noch runter nach Ulm. Natürlich mit seinem Hard-Tail-MTB bestens gerüstet für Erzgebirge, Unter- und Oberfranken, etc. und er will seinen Sohn, gerade 15 Wochen alt, wiedersehen, wenn er Tage später wieder in Niedersachsen aufschlägt. Die Mum, auch mal Punkerin, sei ganz Mutter geworden, da musste er sich trennen. Aber es ist die ganz große Liebe und die bleibt es. Das versichert er mir an diesem Abend so oft, dass ich es glauben muss. Plötzlich kommen wir wieder auf unsere Mission und die Stationen des Allyecat zu sprechen. Ike zerrt hastig seinen, sehr groben, Leipzig-Stadtplan aus der Kuriertasche und meint: Los, sach‘ mal wie kommen wir jetzt in die Simildenstraße 9?   Ich erkläre, dass wir nur ein paar hundert Meter entfernt sind. Na los, dann dorthin! Simildenstraße 9: Wir parken unsere Bikes direkt im Auge der Location… wie geil ist das denn… ich fühle mich in alte „Backwahn-Zeiten“ der frühen Neunziger  gebeamt. Die Wände einer Erdgeschosswohnung hier und dort mit dem Bohrhammer entfernt, da ein paar Bretter eingezogen, dort ein Tresen eingebaut, drei Barhocker aus den 60ern, fertig! Dahinter ein Freak im Fred Perry-Polo, der eine Hymne auf Leipzig singt (denkt zunächst wir sind von sonstwo)  stempelt das Manifest ab und will unbedingt, dass wir einen seltsamen Kaffee trinken, mit komischen Kräutern drin. Ike and  myself fragen nach Bier (bitte kein Alt, kein Kölsch, kein Becks…)  Plötzlich haben wir Magneten am Barhocker und disputieren über Radfahren, Sinn des Lebens und viel später (01:30 Uhr) darüber, wie wir von hier zur Ruststraße, einem weiteren Point des Allyecat, kommen könnten. Dort, so verlautbart es, wird von allen Allyecat-Teilnehmern ein Passbild gefertigt und in die Annalen der Leipziger DMFK eingehen. Ike findet das durchaus motivierend, kramt erneut seinen Leipzig-Stadtplan raus, erkennt mit Kurierblick zielsicher: Da kommen wir nur durch diesen Wald hin (er meinte den Auwald – die Ruststraße liegt zwischen Alfred-Rosch-Kampfbahn und Adler) Ich bestätige das und bin sofort zum Aufbruch bereit. Ike aber nicht. Sein Barhockermagnet hat Strahlkraft. Ich mahne mehrfach den Aufbruch an und schiebe mein Ridley schon mal in Richtung Straße. Eine Querung des Auwaldes können wir nur gemeinsam wagen, denn Ike hat blöderweise keine Lichtquellle am Rad. Langsam fängt es an zu tröpfeln, draußen vor der Simildenstraße Nr. 9 und ich dreh mir ’ne Kippe. Ich warte auf meinen Allyecat-Partner Ike. Eine gefühlte  Viertelstunde später kommt der Fred Perry Typ raus und meint: was soll ich deinem Partner sagen, wie lang du noch warten willst? Aus dem Tröpfeln wird Regen und ich will ein Zeitlimit von maximal fünf Minuten zugestehen. Es passiert wieder nichts. Bin dann gestartet, nicht in die (F)Ruststraße sondern alleine  @home, im Starkregen. Was Ike noch widerfahren ist, entzieht sich meiner bisherigen Kenntnis. Möglich, dass wir uns zur Abschlussparty am Sonntag noch mal über den Weg laufen…

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4 Antworten zu Bike Honks welcome…

  1. ritzelconnection schreibt:

    Das Backwahn war klar in der Auerbachstraße und war mal eine Bäckerei…Ich erinnere mich gut, wie man durch die Mini-Ladenzone nach hinten in die Backstube gekrochen ist. Dort saß man dann und diskutierte sich die Welt schön…später ging’s dann in die nächste Location, z.B. die Katakomben der Kronenbrauerei (heute öffentliches Grün 😉 ) und noch viel später bin ich total grau in meinen Mexiko-Käfer gekrochen und nachhause gefahren…übrigens: jwd, bist Du Kai(y) mit dem ich an der Schranke noch über das Thema Ost-Erfahrungen unterhalten habe? Ungefähr diesem thread folgend:

    Wir fordern aber zugleich die Westdeutschen auf, endlich anzuerkennen, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch die Selbstverständlichkeiten der alten BRD untergegangen sind. Die Bonner Republik ist passé! Sie ist nicht mehr der Referenzrahmen für junge Deutsche im 21. Jahrhundert – egal, ob sie aus Ost oder West kommen. Es ist sinnlos, dieser BRD als Ideal nachzutrauern. Dort kann keiner mehr ankommen; dort will auch keiner mehr hin. (…) Dass der Osten den Westen braucht, steht außer Frage. Dass der Westen auch den Osten braucht, ist eine neue Realität. Dort werden Erfahrungen gesammelt und Strategien erprobt, wie mit Strukturwandel und einer postindustriellen Gesellschaft, die sich im demografischen Wandel befindet, umgegangen werden kann. Dies ist eine Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen.
    Michael Hacker, Stephanie Maiwald, Johannes Staemmler

  2. iwd schreibt:

    „@iwd, fehlt Dir ein “j”?“

    Nein, die Geschichte sollte einfach noch so weitergehen. Ich hatte noch lange nicht genug, genoss den Erzählfluss sehr.

    Backwahn: Der Künstler, der den Laden bestückt hat (passend mit Brotkunst), erinnert sich nicht mal mehr sicher, wo das Backwahn war (Auerbachstraße?). Trotzdem kommt er immer wieder darauf zurück. Das macht neugierig …

  3. ritzelconnection schreibt:

    @iwd: …mir gefällt das Ende auch nicht. Aber was willste machen, wenn Du 6h später wieder funktionieren musst? Ach, alles shit! Zurück zum Backwahn, zur Szene in den 90ern, der „…Nacht den Lichtern…“ Mein Erinnerungsbeutel ist proppenvoll 😉

  4. iwd schreibt:

    Das Ende gefällt mir nicht. Ansonsten ein ganz, ganz wundervoller Bericht!

    Backwahn, ha, das erinnert mich daran, dass ich gelegentlich Zeitzeugen suchen wollte, die nicht nur dabei waren, sondern sich auch erinnern können.

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