Gänsehaut in Alpe d’Huez

Col du Galibier

Col du Galibier

In diesem Sommer sollte es also mal wieder ins Radsportmekka Französische Alpen gehen, denn zu lange ist es schon wieder her, daß ich mich dort mit dem Rad die berühmten Pässe hochgekämpft hatte.

Also Rad + Gepäck ins Auto und ab durch die Schweiz nach Frankreich in die Nähe von Genève, wo die Route des Grandes Alpes beginnt.

Die Parkplatzsuche verläuft problemlos, denn direkt am Radweg finden sich hier immer mal wieder Parkflächen, welche ausschließlich für Radsportler reserviert sind, die hier mal ein Stück fahren wollen. Ganz hervorragend sowas.

Über Albertville, der berühmten franzöischen Kleinstadt in welcher 1992 die 16. Olympischen Winterspiele ausgetragen wurden, ging es dann auch schon über den  ersten Pass, der zum Cormet de Roselend hinaufführte.

Cormet de Roselend

Und gleich auf den ersten Kilometern wurde mir wieder klar, warum ich das „hier zu sein“ so sehr vermisst habe. Jede Menge Radsportler sind unterwegs – da grüßen die MTBler die Rennradler und die Rennradler die Reiseradler. Autofahrer schleichen neben mir hier, lassen die Scheibe runter und schreien mit inbrünstiger Stimme ein „Courage“ oder ein „Allez! Allez!“ herüber, daß es einen fast vom Rad haut. Das motiviert unglaublich, anhalten gilt nicht.

Bei wunderbarem Wetter in einer sich lohnenden Landschaft erreiche ich den Gipfel und erlebe eine Gänsehautatmosphäre. Es gibt Schulterklopfer und jede Menge netter Worte. Ein anderer Radfahrer nimmt ungefragt meine seit gefühlten Ewigkeiten leere Wasserflasche aus der Halterung und füllt sie mit Wasser aus seiner Trinkflasche – „Well done my friend“. Hier am Berg ist jeder ein Held.

Die anschließende Abfahrt verläuft durch Bourg-Saint-Maurice, wo es zur Belohnung erstmal einen Café crème und ein „Pain au chocolat“ gibt, um gestärkt die nächsten 1300 Hm hinauf nach Val D’Isère anzutreten. Dort auf dem Campingplatz schlaf ich direkt am rauschenden Bergbach und bei ordentlicher Gebirgsluft in zufriedener Erschöpfung ein.

Am 2. Tag wartet mit dem Col de l’Iseran der höchste überbefahrbare Gebirgspass der Alpen. Sowas kann man natürlich nicht ohne ein ausgiebiges Frühstück unter der Morgensonne mit Café und Croissants (wie man sie nur in Frankreich kaufen kann) angehen. Aus dem Lautsprecher des MP3-Players säuselt Till Brönners entspannt-meditative Jazztrompete vom Album Höllentour.

Die frische Luft berauscht und ich glaube es ist lange her, daß ich mich so zufrieden wie in jenem Moment gefühlt habe.

Laut Karte folgten nun um die 70 km Abfahrt bis Saint-Michel-de-Maurienne . Dieses Vergnügen war allerdings schon nach 14 km in Bonneval weitgehend zu Ende. Auf dem Rest blies ein heftiger Wind das Arc-Tal hinauf entgegen, dass man von dem Gefälle der Straße kaum noch was bemerkte.

Die krieg ich noch...

Die krieg ich noch…

Die kriegen mich noch...

Die kriegen mich noch…

Col de l'Iseran

Col de l’Iseran

Col du Galibier

Saint-Michel-de-Maurienne

Von nun an sollte es dann also richtig losgehen, der Col du Galibier, dieser Mythos, dieses Heiligtum des Radsports liegt vor mir und damit 2100 Hm mit Abschnitten von teilweise über 9% durchschnittliche Steigung. Das ist auf alle Fälle schon mal respekteinflößend, aber dennoch ein absoluter Hochgenuß hier auf diesen Serpentinen unterwegs zu sein. Immer schön gleichmäßig ziehen und treten, ziehen und treten, ziehen und … irgendwann erreicht man dann mit dem Col du Télégraphe und dem kleinen Bergdorf Valloire die Zwischenetappe, bevor es die nächsten 16km bergauf geht und man von der Region Rhône-Alpes in die südliche Region Provence-Alpes-Côte d’Azur wechselt.

Auffahrt zum Col du Galibier

Auffahrt zum Col du Galibier

Col du Galibier

Col du Galibier

In Le-Monêtier-les-Bains gönne ich mir abends einen Eintritt ins Thermalbad und regeniere die erschöpften Muskeln mit einem Ausblick in die umliegenden Berge der Provence-Alpes im Solebecken.

Es folgten dann 2x der Col d’Izoard mit seiner berühmten Wüstenlandschaft Casse désserte. Einmal in Richtung Süden und am folgenden Tag wieder zurück.Landschaftlich ist dieser sicher einer der schönsten Alpenpässe. Vor allem, wenn man von Süden aus fährt.

Col d'Izoard

Ein berühmter Autor hat mal gesagt: Ohne ein gemütliches Wirtshaus im Vordergrund ist die schönste Landschaft keinen Pfifferling wert…

Auch hier wieder sind ein paar Radsportverrückte unterwegs. „Allez! Allez!“ und sogar „Allez Wegläähr“ (gemeint war wohl Thomas Voeckler) sind zu hören.

Col d'Izoard im Wiegetritt

Col d’Izoard im Wiegetritt

Wahrscheinlich sehe ich im abgekämpften Zustand auf dem Gipfel ähnlich emotional aus wie Thomas Voeckler bei einem Etappensieg der Tour de France.  🙂

Mittagspause

Mittagspause

Nichts schmeckt so gut wie nach dem Radfahren ein frisches Baguette mit Käse, trocken eingelegten Oliven und etwas Obst. Gesunder Minimalismus, was braucht man mehr?

Denkmal für Fausto Coppi und Louison Bobet, im Hintergrund die Casse désserte

Denkmal für Fausto Coppi und Louison Bobet, im Hintergrund die Casse désserte

Aus den Kopfhörern schmettert während der Abfahrt Kraftwerks Album „Tour de France Soundtracks“ und beflügelt das unglaubliche Gefühl von Schwerelosigkeit.

Kraftwerk - Tour de France Soundtracks

Kraftwerk – Tour de France Soundtracks

Um Alpe d’Huez noch einmal anzusteuern verläuft die anschließende Etappe über den Col du Lautaret und vorbei an Les-Deux-Alpes hinab nach Le Bourg d’Oisan am Fuße des berühmten Anstieges. Diese Gegend weckt sehr schöne Erinnerungen an mein Austauschjahr 2010 in Lyon, wo ich am Wochenende oft zum quasi „Hausberg“ Alpe d’Huez gefahren bin, um mit dem Rennrad hochzuradeln oder im Winter mit den Langläufern auf den Höhenloipen unterwegs zu sein…

Col du Lautaret

Col du Lautaret

Col du Glandon

Col du Glandon

Abschließend folgten nun noch der Col du Glandon und der berüchtigte Col de la Madeleine und eine gewisse Freude stellt sich ganz heimlich tief in mir dann doch noch darüber ein, dass das mit den Bergfahren und den unzähligen Höhenmetern nochmal ein Ende hat. Mein Körper schreit förmlich nach einem Ruhetag…

Ab und an stehen riesige Fahrräder in der Landschaft herum...

Ab und an stehen riesige Fahrräder in der Landschaft herum…

... oder sind kunstvoll in die Landschaft integriert worden ...

… oder sind kunstvoll in die Landschaft integriert worden …

Ohne Worte - ein wahrhaft böser Berg

Ohne Worte – ein wahrhaft böser Berg

Der krönende Abschluß der Tour - abgekämpft und völlig am Ende

Der krönende Abschluß der Tour – abgekämpft und völlig am Ende

Zurück im schönen Erzgebirge nehme ich mir vor, die nächsten Tage erstmal nicht mehr an Fahrräder zu denken. Mal sehen, ob sowas und wenn ja wie lange sowas geht.

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4 Antworten zu Gänsehaut in Alpe d’Huez

  1. Christian schreibt:

    Vielen Dank Ihr Lieben! 🙂

    @ Andreas: Das Wetter hätte besser nicht sein können. Da hatte ich wohl Glück.
    Aber mit dem Reiserad ist man ja auch eher komfortabel auf breiteren Reifen unterwegs. Da ist das nicht ganz so dramatisch bei einer Regenabfahrt.

    Und ich hoffe doch, daß wir alle bald mal wieder zusammen fahren. Du stapelst ja nur immer maßlos tief…

  2. carodame schreibt:

    Meine Güte, da bekomme ich beim Lesen schon schwere Beine. Gratulation zu dieser Leistung.

  3. Anonymous schreibt:

    Der Christian kann nicht nur bergauf treten wie ein Vieh, nein, er scheint auch excellente Autoren zu lesen, denn wie sonst würde er auf solch grandiosen Satz stoßen „Ohne ein gemütliches Wirtshaus im Vordergrund, ist die schönste Landschaft kein Pfifferling wert“.
    Chapeau, Christian!!!

  4. Vorsitzender schreibt:

    Ein schöner und sehr plastischer Bericht mit tollen Bildern. Und meinen Respekt an den couragierten Radler Christian. Mit MTB, Gepäck und auf Flip-Flops durch die Alpen… :-O

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