Buchvorstellung: Atlas der abgelegenen Inseln (Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde) von J.Schalansky

Mit dem „Atlas der abgelegenen Inseln“ erzählt Judith Schalansky von der Magie, die einen überkommt, wenn man in einem Atlas blättert und behutsam mit dem Zeigefinger Ländergrenzen, Flussverläufe, Gebirgszüge, Städte, Inseln, Buchten entlangfährt. Dieses Buch ist kein Reiseführer – definitiv nicht, es ist vielmehr die Reise im eigenen Kopf, die nicht beschrieben wird, aber unweigerlich einsetzt beim Umschlagen der Seiten…

Fünfzig Inseln, die wohl abgelegener kaum sein können, werden von der Autorin ausgewählt. Bei der Possession-Insel heißt es „Dieser Archipel ist abgelegen, kahl und so schwer zu erreichen, dass man meinen möchte, Schiffbruch sei der einzige Weg hierher zu gelangen.“ Zu jeder Insel gibt es etwas zu erzählen, mal eine Anekdote, mal historisches, geografische Besonderheiten oder Menschenschicksale, wie jenes auf der Insel Amsterdam im Indischen Ozean, wo die Gesamtbevölkerung aus 25 Bewohnern, besteht, die aufgrund vollkommener Abwesenheit von Frauen, ihre Wände mit „Nackschen“ tapeziert haben und deren Regale voll mit Pornovideos sind. „In der Nacht treffen sich die Männer im kleinen Videosaal und schauen einen Film aus der selbst verwalteten Pornosammlung. Jeder besetzt eine Reihe ganz für sich. Aus den Lautsprechern keucht und stöhnt es.“ Oder der Insel St. Paul, Einwohnerzahl:2 (in Worten Zwei!), deren Gouverneur eine ganz schlechte Meinung von seinem Untertan hat, der Untertan den Gouverneur aber in den höchsten Tönen lobt.

Dazu liefert Judith Schalansky zu jeder Insel die geografische Lage, die Entfernungen zu den nächsten Festlanden, die bereits erwähnte Population, so fern vorhanden, und einen Zeitstrahl auf dem, auch hier wieder, so fern vorhanden, bemerkenswerte Insel-Ereignisse markiert sind. Durch diese formelle Korrektheit der Zahlen und durch die exakt gezeichnete Topografie der jeweiligen Insel wird das Buch erst zum Atlas. Und genau hier beginnt der Zeigefinger unwillkürlich auf der Karte, welche naturgemäß zu drei Vierteln blau ist, die Linien des Eilandes nachzufahren. Es ist sinnlicher Genuss, ein Genuss der durch die formelle Umsetzung des Gesamtwerkes erst vollkommen wird. In einem Interview sagte Schalansky „…mich ärgert in dieser ganzen Debatte um die Zukunft des Buchs die Behauptung, es ginge nur um Inhalte. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Inhalt ohne Form gesehen. Das Allerwichtigste am Buch ist doch sein Format.“

Ich habe bei diesem Buch wahrscheinlich genau das erlebt, was die Autorin veranlasst hat, dieses Buch zu machen. Und ich habe mich gefragt, warum ich nicht selbst auf diese Idee gekommen bin, über Gegenden unserer wunderbaren Welt zu schreiben. Ich habe doch schon immer gewusst, dass die wirklich spannenden Dinge im Kopf passieren und nicht tausende Kilometer entfernt in einer Gegend, wo körperliche Entbehrungen und sonstige Störungen die Sicht behindern. Ich empfehle dieses Buch, allerdings unbedingt in der Originalausgabe, nicht in der Taschenatlasausgabe, denn Ihr wisst ja „Das Allerwichtigste am Buch ist…

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5 Antworten zu Buchvorstellung: Atlas der abgelegenen Inseln (Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde) von J.Schalansky

  1. montymind schreibt:

    angefixt von den ultimativen lobhudeleien war ich gerade bei der „connewitzer“ im specks hof. dort gab es die „giraffe“ in leinen. auflage weiß ich nicht, ist eingeschweißt und somit zur staubsicheren lagerung neben dem bett besser sehr geeignet….
    aber erst einmal „imperium“ auslesen. das blieb im urlaub zuhause. dafür durfte wolf haas mit…da hat der brenner gerade die ermittlungen im „knochenmann“ gerade begonnen….

  2. Jörg schreibt:

    Ja, die Giraffe liegt auch schon (ungelesen) im Regal. Auch hier wieder die Erstauflage, und dass aus gutem Grund. Denn bei den folgenden Auflagen war leider dieser wunderschöne Leineneinband nicht mehr lieferbar. Im Übrigen hat Frau Schalansky auch für dieses Buch den Designerpreis 2012 der Stiftung Buchkunst abgeräumt.

  3. ritzelconnection schreibt:

    @herr matthi: …es wird ja nicht nur radgefahren :mrgreen:

  4. herr matthi schreibt:

    Was für eine Freude, zumal hier an diesem Ort, Neuigkeiten über das Schaffen von Frau Schalansky zu erfahren; habe nämlich kürzlich erst „Der Hals der Giraffe“ bewundernd und erstaunt gelesen und gefühlt. Ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

    Buchbesprechungen im Ritzelblog – prächtig, herrlich, wunderbar.

  5. ritzelconnection schreibt:

    …das macht sehr neugierig und ich buche schon mal eine Leihvorbestellung 😉 P.S.: hoffe sehr, Du hast nichts dagegen, dass ich noch zwei Visualisierungen hinzugefügt habe…

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