2013

Ein grauer Spätvormittag im Januar. Das neue Jahr ist gerade 4 Tage alt. Die schmalen Winterpneus schleudern Streukiesel gegen die Schutzbleche meines Winterrades. Das gibt ein irritierendes Geräusch. So ein Schlurfen, ein Rasseln. Zwischen dem Gummi der Reifen und dem Schutzblech geht’s eng zu. Sonst ist nichts zu hören. Meine Runde führt mich über die westlich von Leipzig gelegenen Schlachtfelder. Die blutgetränkte Erde um Großgörschen liegt einfach so da. Die parallelen Zahlen 1813, 1913 und 2013 schießen mir durch den Kopf als ich eine Fotopause beschließe und mein Rad am Scharnhorstdenkmal Adler-GGanlehne. 200 Jahre sind seit dem Gemetzel vergangen. 1913, die Hundertjahrfeier der Schlacht wollte vom Ortsverein erinnert werden, wird das von Paul Juckhoff – dem auch der Bismarckturm in Weissenfels zuzuordnen ist – entworfene und ausgeführte Denkmal eingeweiht. Ein mächtiger Adler auf hohem Sockel. „Ziel erkannt“ und „Kräfte gespannt“ steht eingemeißelt auf den Steinbänken, die das Entree der Denkmalanlage markieren. An diesem trüben Januartag atmet der Ort eine leichenkalte Ruhe. 2013, erst im Mai und später in den Oktobertagen wird es mit der Ruhe an diesen und anderen Orten des Völkerschlachtens vorbei sein, denn dann  werden die Tragödien mit viel Getöse nachgestellt. Gut, denke ich, dass sich diese Spektakel auf die Völkerschlachtszenarien beschränken. Ich will mir nicht vorstellen, wie das aussähe, würden einzelne Schlachten aus dem Weltkrieg zwo ebenfalls „nachgespielt“. Aber, höre ich die Kritiker schon zetern, das war doch eine ganz andere Geschichte… Wirklich? Wie ich so weiter trete, am Prinz von Hessen-Homburg Denkmal vorbei und hinter Großgörschen den kleinen Huggel hoch, stehe ich am Monarchenhügel! Noch mal ein Stopp und einen Blick über die Weite der Leipziger Tieflandsbucht. Dem bis hierher heftigen Wind werde ich nun den Rücken zeigen und mich in weniger als einer Stunde nachhause schieben lassen. Dort wartet nach entspannender Wanne eine große Kanne Kräutertee. Beduinenschreck. Der Wintertee meiner Wahl! Und ein Buch: „1913-Der Sommer des Jahrhunderts“  Wieder die Zahl 13. Die Lektüre ist so fesselnd, dass ich die letzte Nacht fast durchgelesen habe, nebenbei erfuhr, dass Stalin nicht Rad fahren konnte und wie die Geburt des Rationalen aus dem Geist des Aberglaubens funktioniert: jedenfalls in Schönberg’s „Zwölf-Ton-Musik“, der geplagt vom Schrecken der Zahl 13 diese nicht als Zahl, nicht als Takt, nicht einmal als Seitenzahl vorkommen lässt und später bemerkt, dass seine Oper über Moses und Aaron 13 Buchstaben hat und so das zweite a in Aaron streicht. Bis heute heißt die Oper also folgerichtig „Moses und Aron“. Arnold Schönberg stirbt an einem Freitag, dem 13. August. Gottlob nicht 1913, sondern 38 Jahre später.

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Eine Antwort zu 2013

  1. ritzelconnection schreibt:

    …ah, verstehe und erinnere mich: die Apelstein-Tour ❓

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