Cyclomanie

Die Winterabende sind noch immer lang, auch wenn das Tageslicht nun schon bis fast kurz vor Sechs blinzelt. Für ein kurzes Feierabendründchen auf dem Rad reicht es schon, vorausgesetzt es ist Licht an Bord. Auch für einen forschen Wald- und Wiesenlauf eignen sich die dahinschleichenden Februartage. Und den Abend später, ermattet, bei einem Glas Roten und einem Blick ins Buch zu beschliessen, ist wohl konsensfähig. Heute blätterte ich  mal wieder in der „Leipziger Radfahrerbibel“- jener Sammlung von Essays, die Elmar Schenkel 2008 in der Edition Isele rausgebracht hat und unter dem Titel „CYCLOMANIE“ den Gemächlichen und gelegentlich freihändig fahrenden Radlern Leipzigs widmete. CyclomanieIch erinnere mich noch gut an eine Lesung in der alten Stadtbibliothek. Vier, fünf Jahre ist das her. Es war klar, dass ich diese wohl einzigartige (Ver)sammlung von Texten mit nach Hause nehmen musste. Schon das Vorwort, was hier als Vorderlicht daherkommt, macht neugierig. Dort las ich: Es ist einmal beobachtet worden, dass die Bewegung des Essays der Bewegung des Wandern ähnlich sei. Eine gewisse Ungleichmäßigkeit, die ständigen kleinen Abschweifungen, die Lust am Zögern und Zaudern, am Verweilen und Plaudern – all das sind Kennzeichen des Wanderns oder besser noch Spazierengehens wie auch der essayistischen Schreibweise. Wie ist es nun mit dem Rad? Ich denke, auch das Radeln, sofern es nicht Rasen heißt, gehört in das Bewegungsfeld des Essays. Während Auto, Flugzeug und Eisenbahn den größeren und erfolgreicheren Gattungen der Literatur zugeordnet werden müßten, dem Drama und dem Roman also, ist dem Rad eine Zwischenstellung eigen. Es steht – wie der hybride Essay – zwischen Ansätzen zur Hochgeschwindigkeit auf der einen Seite und dem Trödeln auf der anderen. Und es wird klar: Elmar Schenkel beherrscht die Klaviatur der Deutungen des Phänomens Fahrrad, quer durch die Literatur- und Kulturgeschichte. Und er kann den zahlreichen Fundstücken Interpretationen entlocken, die sich einfach gut lesen und Balsam für die geschundene Radfahrerseele sind. Viele Texte, die das Fahrrad als Geheimnis, als Mythos und Programm beschreiben, sind eine Hymne, eine Verheißung: Literatur könnte man definieren als sprachliche Bewegung um ein Geheimnis herum oder auf eines zu. Das Fahrrad ist ein solches Geheimnis. Es ist ein sehr fremdes Gerät, da es keine Verlängerung oder Verstärkung des menschlichen Körpers darstellt wie der Hammer oder das Lasso. Es ist fast so etwas wie die in der Mechanik verkörperte Zahl Pi, für die wir kein Fassungsvermögen haben. Pi und Kreis sind nicht zu trennen, und beim Fahrrad haben wir es zunächst mit zwei Kreisen zu tun. Doch die Bewegung der Pedalen bildet einen dritten Kreis, und einem Beobachter von einem anderen Stern würde es vorkommen, als versuchten die Radler seit 150 Jahren auf dieser Erde durch das ewige Treten die beiden Kreise in einen dritten zu überführen. Ein theologisches Programm geradezu! Hoffen wir also, dass der nächste Papst wieder ein Italiener sein möge und wie seinerzeit 1973, Antonio Maria Montini, Papst Paul der VI.,  die Pedalritter segnet.

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Eine Antwort zu Cyclomanie

  1. justbiking schreibt:

    sehr schön

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