Logbuch 25. April, Prolog: Herbert Kresses Hackepeter…

HarryTAls ich vor fünfundfünzig Jahren, ich war gerade sechs, meine Mutter zum Metzger begleitete – wir diesen Laden im thüringischen Eisenach betraten und mir die marmorne Fliesenkühle, gepaart mit dem Duft nach frischer Wurst und Fleisch in die Nase stieg – höre ich noch den Satz: „…ein Pfund Gehacktes bitte, halb Schwein, halb Rind“. Ebendiese Erinnerung kam mir heute, als ich in Leipzig, in Herbert Kresses ehemaliger Fleischerei – in diesen Tagen zu einer belgischen Radsportkneipe mutiert – ein Duvel bestellte, mir die Presseecke des legendenumwobenen belgischen Radprofis Harry Tuinkers anschaute und Recherchen anstellte. Halb Schwein, halb Rind …erWahn waberte es mir durchs Gehirn… Dieser Harry Tuinkers muss wahnsinnig und besessen gewesen sein! Die gerahmten Pressemeldungen verweisen auf eine außerordentliche, doch jäh abgebrochene Karriere eines jungen, hoffnungsvollen vollblutigen belgischen Pedaleurs. Er bot Edouard Louis Joseph Merckx, kurz Eddy Merckx, die Stirn – düpierte ihn gar bei so manchem Rennen in der belgischen Provinz und verwies ihn 1973 bei Lüttich-Bastogne-Lüttich auf die Ränge. Die offizielle Siegerliste von LBL fälscht bis heute dieses Ergebnis und stellte Eddy M. als Sieger hin. Warum das, was lief im Hintergrund? Da muss weiter zurückgedacht werden. Wir schreiben das Jahr 1963: Eddy Merckx gewinnt mit 18 Lenzen in der Ostzone das legendäre „Rund um Sebnitz“. Sein Teamkollege Harry Tuinkers zieht in der Schlussphase den Spurt an und bringt E.M. in eine günstige Position. Zuvor hatte Tuinkers auf dem bergigen Parcours, vorbei an vielen HO-Gaststätten, in einer neutralen Zone  einen falschen Verpflegungsbeutel abgegriffen. Der war eigentlich für den damaligen Spitzenfahrer Butzke vom SC Dynamo Berlin, dem Vorjahressieger, vorgesehen und enthielt merkwürdige Dinge: eine kleine Knackwurst, ein Taschenrutscher Doppelkorn, zwei Aspirin, ein Riegel Golstern-Schokolade UND den motivierenden Brief einer Leipziger FDJ-lerin. Das war, wie meine Recherchen ergaben, keine ungewöhnliche Zutat für einen Verpflegungsbeutel. Junge, vom Radsport euphorisierte Menschen haben gerne ihren heimlichen Helden alles Gute gewünscht und in kleinen Briefchen den sportlichen Idolen ihre Hoffnungen und Wünsche mitgeteilt. Sie schrieb also auf einem kleinen, einem Oktvheftchen entrissenen Zettel: „Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass Sie ein Sieger werden und wir uns vielleicht schon bald kennenlernen und gemeinsame Kinder haben“. Tuinkers konnte mit Knackwürstchen nichts anfangen und seinen Unterwegsbedarf stillte er lieber mit schwerem belgischem Trappistenbier, anstelle eines Blindenkorns. Von der „Schokolade“ biss er ein Stück ab und schmiss den Rest weg. Dieser Riegel, für einen Belgier ein Fauxpas! Einzig der Zettel, die anonyme Liebeserklärung, stopfte er in seine Trikottasche, bevor er den leergemachten Beutel in den Straßengraben warf. Viele Jahre später fand er das Relikt wieder und machte sich daran die Unterschrift auf dem Sebnitzer Zettel und die winzige Adresse auf der Rückseite zu entziffern: Mandy K. 7030 Leipzig, Mendelssohnstraße 6. Seine Neugier, befeuert durch einige Tulpen „Corsendonk“, lässt ihn einen Brief schreiben: „Liebe Mandy K., ich bin nur ein kleiner Radfahrer und muss für die großen Radfahrer den „Wasserholer“ machen. Gern wäre ich in Leipzich und würde mit Dir Bier trinken und Kinder erzeugen. Vorher muss ich aber noch Lüttich-Bastogne-Lüttich gewinnen – es kann also noch ein paar Jahre dauern, bis wir uns sehen. 1973 war es so weit. Tuinkers düpiert den großen Eddy Merckx auf den letzen Kilometern und quert den Zielbalken als Sieger. Der WA ist fassungslos! Zeitgleich läuft beim belgischen Radsportverband eine Depesche über den Ticker. Absender ist der Präsident des DDR Radsportverbandes, Gerhard Voß. Voß unterrichtet die belgischen Funktionäre, dass Harry Tuinkers wenige Tage vor dem Start von Lüttich-Bastogne-Lüttich dem DDR Radsportverband per Einschreiben erklärt hat, dass er seinen möglichen Sieg bei L-B-L einer gewissen Mandy K. aus Leipzig widmen würde und verbindet damit seinen Antrag auf eine DDR-Staatsbürgerschaft. Tuinkers sei Willens, seine sportliche Karriere in einem sozialistischen Land fortzusetzen. Das war den belgischen Funktionären zu viel. Der desaströse Zieleinlauf von L-B-L, quasi die Enthauptung des Monumentes Merckx, konnte nun durch die eilige Feststellung des WA, dass der Sieger sich zum – vorübergehend – Staatenlosen gemacht hat, annuliert, IMG_9779besser korrigiert, werden. Regelgemäß damit untermauert,  dass der belgische Verband vorsieht, dass nur Fahrer ohne Ausreiseanträge Lizenz- und damit Sieg berechtigt sind. Seit dem steht Eddy Merckx, formal als Sieger von 1973 in den Analen von L-B-L. Was Harry Tuinkers Radsportkarriere in der DDR der reifen 70er und späteren 80er Jahre betrifft, wird sicher auf dem bevorstehenden Parcours der „Harry Tuinkers Gedächtnisausfahrt“ Leipzich-Braunsbedra-Leipzich so manche Facette hinzugefügt werden.  Vielleicht gibts ja auch Gehacktesbrötchen unterwegs. Halb Schwein, halb Rind.

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