Logbuch, 2.Oktober: Herbert dreht frei…

Als ich erfuhr, dass Helmer Boelsen, einer der großen Chronisten des deutschen Radsports, am 30. September verstorben ist, blätterte ich in seinem 2007 bei CAVADONGA erschienen Band „Die Geschichte der Radweltmeisterschaften“- eines meiner Lieblingsbücher in Sachen Radsportgeschichte. Dort lese ich in von der einzigen jemals in Ungarn stattgefundenen Radweltmeisterschaft 1928. Damals wird der Leipziger Herbert Nebe mit einem Rückstand von 17:33 auf den Sieger, den Belgier Georges Ronsse, Zweiter. So einen gewaltigen Vorsprung hat bisher noch kein weiterer Profi bei einer WM rausgefahren. Das Rennen, so lese ich, war brutal. 35° im Schatten, fünf Zentimeter Staub auf den schlechten Straßen in der Puszta. „Feldwege und graue Dörfer fast ohne Menschen, nur Gänse, Hühner und Pferde…“ Ein 1925 gegründeter „Industriering für den Berufsrennsport“ (IBUS) mit dessen Vorsitzenden Fritz v. Opel überzeugte wenige Tage vor dem Start die Belgier mit Torpedo-Freiläufen zu fahren. Damit sollte der belgische Markt erschlossen werden. Herbert Nebe besorgte sich hingegen ein passables Rotax-Hinterrad für seinen Diamant-Renner und ging damit zur „Plombierung“. Er hatte keine Möglichkeit gesonderte Materialverträge auszuhandeln – stattdessen war Jules Van Hevel, der sich im Rennen an der Seite von Ronsse kaputt fuhr auf Kosten von Opel nach Budapest gereist. Van Hevel, 11 Jahre älter als Ronsse, hielt sich immerhin über die Hälfte des 192km langen Rennens an der Seite des späteren Siegers und kämpfte wie ein Löwe. Doch Reifenschaden und ein schmerzhafter Kontakt mit einer Kuhherde ließen ihn aufgeben. Das alles spielte sich an der Spitze des Rennens ab, nachdem bereits ein komfortabler Vorsprung von 23 Minuten herausgefahren war. Unglaublich aber nicht verwunderlich, denn der Titelverteidiger Alfredo Binda belauerte seinen Spinnenfeind Girardengo und beide vertrödelten das Rennen. Später wird gemunkelt Ronsse und Spezi Van Hevel wären im Begleitfahrzeug der Firma Opel ein Stück „mitgefahren“. image

Das wäre sicher auch ein Indiz für den komfortablen Vorsprung. Zurück zur Materialfrage. Bei der Plombierung ereiferte sich Schlegelmilch, der Prokurist von Fichtel und Sachs, gegenüber Nebe, was ihm einfiel ein Rotax Hinterrad zu fahren. Nebe beharrte auf seiner Wahl, lenkte aber ein auf Torpedo umsteigen zu wollen, wenn er bei einer Platzierung 7000 Mark bekommt und absteigend 10% bis Platz 10. Gleiches sollte für Bruno Wolke seinen Begleiter gelten. Doch dem wurden von Schlegelmilch nur 3000 Mark „bewilligt“. Daraufhin schmiss Nebe dem Prokuristen die Torpedo-Laufräder vor die Füße. Während des Rennens des Rennens kam es zu unschönen Szenen. Fritz von Opel „mobbte“ Herbert Nebe und bedrohte ihn, falls er mit dem „falschen Material“ weiterfahre mit Konsequenzen. Bei Nebe steigerte das nur die Wut und als er bei der ersten Kontrolle am Kilometer 93 erfuhr, dass Ronsse und Van Hevel 23 Minuten Vorsprung rausgefahren hatten, griff Nebe an. In der Form seines Lebens zerpflückte er das Feld in kleine Grüppchen und verringerte den Abstand, den angeschlagenen Bruno Wolke im Schlepptau auf 17:33 zum Sieger. Im Ziel wurden Nebe und Wolke keines Dankes gewürdigt. Nebe konstatiert: „…Meinen Chef Lange und seinen Manager Gustav Nagel habe ich nach dem Rennen nicht wieder gesehen. Ich bezahlte am nächsten Morgen meine Zeche und bin grußlos heimgefahren von Budapest nach Dresden, dann im Bummelzug nach Leipzig, schließlich mit der Straßenbahn nach Leipzig – Stötteritz. Ende einer Weltneisterschaft…“ Wegen der Materialstreitigkeiten wurde Nebes Vertrag bei Diamant Anfang 1929 nicht verlängert; später erhielt er nach einem Prozess eine Abfindung.  (zit. nach: „Die Geschichte der Radweltmeisterschaften“ H. Boelsen, Covadonga 2007 und Wikipedia)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Startseite veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s