Logbuch, 7. Februar / Kulturlandschaft 2.0

„Nicht in die ferne Zeit verlier Dich!
Den Augenblick ergreife! Der ist Dein!“

(F. Schiller)

Gestern noch auf dicken Reifen im Revier unterwegs, zog es mich heute erneut hinaus! Diesmal auf schmaleren Pneus. Gewählt wurde der Challenge Strada Bianca in der 30er geyersberg-cross002Dimension. Der rollt sanft und akzeptiert auch mal einen kleinen Schlenker ins Gelände. So schön das Wetter, so verlockend das Licht. Die etwas größere Kamera war im Rucksack. Also Kulturrunde! Erster Anlaufpunkt: Kahnsdorf. Dorthin kommt man sehr komfortabel über die asphaltierten Wirtschaftswege unterhalb der Kippe Witznitz (Westsächsische Verwertungsgesellschaft mbH), entlang eines Bahngleises und biegt, nach einer Parallelpassage am Störmthaler See, westlich nach Espenhain ab. Auf dem Birnenweg wird der Hainer See angepeilt. Mitten in der Landschaft taucht ein Brückenbauwerk auf. Das steht da schon mal prophylaktisch als „Querungshilfe“ für die geplante Fortsetzung der A 72. In absehbarer Zeit wird sich im Revier einiges verändern! Das 72er-Betonband schneidet dann durch die Felder, die jetzt noch so unschuldig und in unendlicher Weite da liegen… Aber noch herrscht tiefer Frieden und die Kahnsdorfer Kirchturmspitze gibt als Landmarke den Parcours vor. Neuerdings gibt es ja das schöne Asphaltband zwischen dem Hainer und dem Kahnsdorfer See auf dem man entspannt in „Upper Kahnsdorf-Beachtown“, der sogenannten „Blauen Lagune“ ankommt. Eine zum großen Teil häßliche, dicht gedrängte Ansiedlung von Hypotheken belasteten Stadthäusern, die (in der ersten Reihe) wenigstens einen Terrassen-Tisch breiten Zugang zum Wasser haben. Inzwischen entsteht die zweite Reihe Häuser für jene Häuslebauer, die nicht genug Kohle für ein „Seegrundstück“ übrig hatten. Irgendwann wird man aus der Seeperspektive den Ort Kahnsdorf gar nicht mehr ausmachen können. Schade! Allerdings gibt es einen klitzekleinen Lichtblick: das Gut Kahnsdorf wurde gottlob aus den Bebauungsplänen herausgehalten.

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Teilansicht Gut Kahnsdorf

Immerhin war der Freigeist Friedrich Schiller dort vor Monden (anno 1784) unterwegs. Der Ort war wohl maßgeblich auch der Ort, wo sich die Männerfreundschft Schiller/Körner manifestierte. Schiller muss unendlich dankbar gewesen sein, dass Körner die Schillerskripts (u.a. Kabale und Liebe!) in einer Gesamtausgabe herausgebracht hat. Im „Schillercafé“ darf man heuer noch ein bisschen in die Geschichte eintauchen. Es gibt guten Kaffee und Fettbemmchen (beides auch zum Mitnehmen in den übersichtlichen, kleinen Park rund ums Anwesen). Hab dort noch etwas rumgeknipst und eilte dann weiter via Eula nach Thierbach. Am Streckenrand häufen sich die Zeugnisse einer ganz anderen Kulturlandschaft: Braunkohlenveredelung, verfallene Chemiebuden, dazwischen Dörfer, die sich postwendial als Siedlungsgrundstücke – geschuldet dem preiswerten Bauland – augenscheinlich nicht von ähnlichen stadtnahen Dörfern in Niedersachsen, NRW und Hessen unterscheiden. Schnell weiter!  Am Ortseingang Thierbach, gleich hinter dem Sportplatz, ein Gebäudekomplex, den ich mir Thierbach_Schillercafe78schon immer mal als Fotomotiv vorgemerkt hatte: das ehemalige Arbeiterwohnheim des ehemaligen BKW (VEB Braunkohlewerk Espenhain). Ein schlichter Zweckbau aus den 50ern. Wie ich so die Linse ausrichte, überfällt mich ein Déjà-vu: Was hat sich hier, hinter der Fassade, geziert von den gekreuzten „Schlägel und Eisen“, abgespielt? Leben, Familie, Liebe, Geborgenheit! Gleich um die Ecke der „Gasthof Thierbach“ – eine der wichtigsten Destinationen im sächsischen Radsportkalender, südlich der Messemetropole! Dort waren wohl auch die Bewohner des Arbeiterwohnheims Stammgäste. Das wurde mir heute von Einheimischen bestätigt. Wo sind die ehemaligen Bewohner wohl hin? In ein anderes Arbeiterwohnheim im Westen? Rübergemacht? Jedenfalls gibt es keine zeitnahe Option, was die Reviatilasierung des Gebäudes betrifft. Gleich dahinter dümpelt das Thierbacher Herrenhaus vor sich hin… Aber das ist mal einen anderen Report wert. Bilderbogen zum Beitrag:

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Eine Antwort zu Logbuch, 7. Februar / Kulturlandschaft 2.0

  1. hans e. schreibt:

    sehr schöner bericht und feine pics, meine lieber…

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