Logbuch, Ostern: …die Orte 112 / 113 / 114 die man auch gesehen haben muss

 

BuchtitelWo nun gerade in diesem Jahr unsere unendliche Sehnsucht nach dem Frühjahr wurzelt ist mir nicht ganz klar. Winter hat erneut nicht stattgefunden, die Tage waren – verglichen mit dem Vorjahr – nicht länger und auch nicht kürzer. Es gibt nur eine Erklärung: die Wintertage 2015/16 entsprachen erneut nicht dem Winterklischee. Es fehlten die knackigen hellen, sonnigen Frosttage, es fehlte der Schnee! Demzufolge fehlten Kontrapunkte in unserer Wetterfühlig- und Empfindlichkeit. Unsere Seelen empfanden nur einen melancholischen grauen Brei. Deswegen diese Sehnsucht! Dann, pünktlich vor den in diesem Jahr sehr früh verordneten Ostertagen, kommt Euphorie auf. Die Wetterstationen sprechen noch in der Karwoche von Helligkeit, von zweistelligen Temperaturen, gar von Sommer! Und natürlich kommt es doch wieder anders. Der Gründonnerstag wird der Prognose noch ein klein wenig gerecht, aber was den Karfreitag betrifft: ein komplettes Desaster. Gut, dass ich schon länger einen Plan B im Ärmel hatte: diesmal nicht auf zwei, sondern auf vier Reifen geht es auf eine Sachsenrunde! Keines meiner Ziele steht in Oliver Schröters „111 ORTE IN SACHSEN DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS“ (ein Kompendium was ich sehr schätze und mich öfter beim Planen von Touren beeinflusst hat). Meine Anregungen an die geneigte Leserschaft: Entdecken sie eine Waldschänke mit außergewöhnlichem Flair am Zwickauer Waldpark (Nr. 112), besuchen sie die älteste Naturaliensammlung Deutschlands in Waldenburg (Nr. 113) und lassen sie sich auf Burg Gnandstein (Nr.114) einen Kaffee schmecken. Alle drei Orte sind vortrefflich, auch ohne die Autobahnen 4 und 72 zu benutzen, auf kurvigen und hügeligen Kreis- und Bundesstraßen miteinander verbunden. Ja, es macht sogar richtig Spaß Teile des hügeligen Erzgebirgsvorland derart zu erfahren und hübsche Ausblicke ins Sächsische zu genießen. Außerdem würde man Orte wie Königswalde, Remse, Kertzsch und Jückelberg gar nicht wahrnehmen. Jetzt zu meinem „Dreier“.

Erste Station: Meigl Hoffmann, Leipziger Szene-Bestandteil, hat zu Beginn des Jahres mit seinem Compagnon die Traditionsgaststätte „Waldschänke“ am waldreichen nordwestlichen Rand von Zwickau erworben. Das Lokal wird seitdem positiv transformiert! In der DNA dieses Traditionsortes wurden verschiedene Art-déco-Gene diagnostiziert, die jetzt in einem horizontalen Tansfer wieder an die greifbare Oberfläche dieser wunderschönen Schänke kommen. Zudem flankieren zwei „mitgebrachte“ Leipziger Spitzenköche diese Lokalität mit einer ausgesucht gutbürgerlichen Speisekarte. Mein Tipp: das Hubertusschnitzel mit Senf-Meerrettich-Panade … ein Gaumentraum! Auch das Frühstück (ja, es gibt Fremdenzimmer!) ist von ausgesuchter Traditionalität und Fülle! Und natürlich ist der Service von sächsischer Herzlichkeit geprägt! Gestärkt kann das nächste Ziel anvisiert werden: Das Naturalienkabinett Waldenburg, vis a vis dem Schloss Waldenburg umgeben von dem wunderschönen Schlosspark, angelegt vom Gärtner und Botaniker Otto Ferdinand Terscheck (1817-1868).

Allerdings: beim Anblick einiger Exponate der durchaus skurrilen Sammlung des Naturalienkabinetts würgte das opulente Waldschänken-Frühstück im Hals: Kälber, geboren mit zwei Köpfen, diverse missgebildete Feten in Spiritus… Daneben, versöhnlich, viele seltsame Figurinen, Präparate, kuriose Sammelstücke, astronomische und physikalische Gerätschaften aus den fürstlichen Raritätenkammern des 17. Und 18. Jahrhunderts.  Fisch-, Reptilien-, Vogel-, Mineralien- und  Säugetiersammlungen, alle Exponate in wunderschönen Vitrinen aufgestellt, die in drei hintereinander angeordneten Räumen ihren Platz finden. An der Präsentation hat sich bis heute nichts geändert! Untergebracht ist das alles in dem 1844 extra dafür errichteten Museumsgebäude, Lichtjahre entfernt von heutiger Museumsdidaktik. Natürlich kein digitaler Schnickschnack, keine anbiedernden populärwissenschaftlichen Erklärungen und Verknappungen! Hier ist noch jedes Exponat auf einem kleinen Kartonschild beschrieben. Beispielsweise so: „Ein unbekannter indianischer Götze aus einer ausländischen Wurzel geschnitten“. Oder: „Metallifossores, in vitro quadrangulari artificiose indusi: Bergleute, die im Bergwerk arbeiten, künstlich in einem Glas eingeschlossen“. Jedem, der sich mal in Waldenburg befindet, sei dieses kleine „Museum im Museum“ wärmstens empfohlen.

Weiter geht es auf kurviger Landstraße entlang der Zwickauer Mulde in Richtung Penig. Burg Gnandstein ist das letzte Ziel meines Sachsen-Dreiers. Um dorthin zu gelangen, muss man rechtzeitig die B95 (spätestens in Pflugk!) verlassen und nach der Passage des „Schwind Pavillons“ in Rüdigsdorf der Ausschilderung folgen. Die Burg liegt nach einem hübschen up and down, dem die schmale Kreisstraße 7940 folgt, plötzlich vor mir. Was dann auch gleich auffällt: die malerische Lage und die flankierenden gastronomischen Erlebnisbereiche multiplizieren die Ausflüglerscharen! Zudem scheint Burg Gnandstein ein Ort der Wallfahrt für Schwert schwingende Mittelalterfreaks zu sein. Die laufen mir da am Ostersonnabend in allen Generationen über den Weg. Das ist nicht so mein Ding und ich bin froh, dass mich nur knapp 40 Kilometer vom Rand der Leipziger Tieflandsbucht und der Heimat Connewitz trennen.

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